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20090613.V.006
Testjahrbuch 1987 - das Beste aus OFF ROAD

mit freundlicher Genehmigung der Redaktion OFF ROAD
Ausgerechnet ein italiener bereichert nun das Angebot der vierradgetriebenen Straßenautos in einem Maße, mit dem man nicht gerechnet hat. Der neue Prisma von Lancia mit FWD nimmt seinen Auftritt sehr ernst. ... G. Michl hat ihn für die OFF ROAD-Leser gefahren ... Er fand eine Fülle gediegener Technik vor, verbunden mit einem hohen Maß an Fahrspaß

"Leider kann die spezielle Teststrecke für den Prisma 4WD nicht befahren werden." Die Verantwortlichen der Testwagenausgabe zuckten bedauernd mit den Schultern. Über Nacht war ein halber Meter Schnee gefallen, für diese Jahreszeit auch am Fuße des Montblanc etwas überraschend. Also machten sich zwei Dutzend Motorjournalisten aus Deutschland und Österreich ein bißchen traurig auf den verkürzten Parcours, weil nun glaubten, etwas Besonderes versäumt zu haben.

Der erste Eindruck, nachdem man in einem Prisma Platz genommen hat, trägt in solchem Fall gleich zur Entschädigung bei. Eine fast schlichte und doch gediegene Innenausstattung vermittelt das Gefühl, in einem größer und luxuriöser gewordenen Fiat Panda zu sitzen. Und hier hat man von dem kleinen Bruder aus Turin tatsächlich einiges zu leihen genommen.. Den gleichen Bezugstoff an Sitzpolstern, Türverkleidungen und Dachhimmel, robuste, pflegeleicht und doch gut aussehend, zum Beispiel. Die Sitzposition entspricht der einer komfortablen Mittelklasse-Limusine. Die Sitze sind straff, wie die ganze Fahrweise des Prisma, wie sich später herausstellen wird. Längere Gleitschienen vorne gestatten die beste Sitzposition für jede Körpergröße, ein vergrößertes neues Luftdüsensystem sorgt für angenehme Klimatisierung bei jeder Jahreszeit, unabhängig von den Wetterbedingungen draußen und der Fahrgeschwindigkeit. Im Armaturenbrett sitzt als pfiffiges Extra ein Tripcomputer, der die Verbräuche durchgibt, Reisezeiten, Durchschnittsgeschwindigkeiten, Außentemperatur, Datum und Uhrzeit
"Zugwagen"
Die verkürzte Teststrecke erweist sich als einigermaßen harmlos, also wird sie nach zweimaliger Umrundung in Richtung Baumgrenze verlassen. Eine schmale, gewundene Straße führt durch den Forst in höhere Regionen. Plötzlich sind da unsere Richtungspfeile wieder, wir haben rein zufällig die Piste entdeckt, die weiter oben wegen der Schneemassen unbefahrbar sein wird.
Doch im Moment zieht der neue Allrad-Lancia die Serpentinen hinan, daß auch der erfahrene Vierradfreak aus dem Staunen nicht herauskommt. Die Produktstrategen haben hier eine ganz logische und vernünftige Entscheidung getroffen, sie haben ihrem Allradmodell die stärkste Maschine verpaßt, die in der Prisma-Modellreihe Verwendung findet, den Zweiliter-115-PS-Vierzylinder mit elektronischer Einspritzung. Eine integrierte Zündung, zwei durch Zahnriemen angetriebene obenliegende Nockenwellen und zwei gegenläufige Ausgleichswellen geben dem Triebwerk neben einer hohen Laufkultur auch genügend Kraft für den Allradstrang und eine enorme Zähigkeit mit auf den Weg. Dabei hüllt ein perfekt abgestuftes Fünfganggetriebe, den Wagen spritzig und drehzahlstabil in Bewegung zu halten.
Die Maschine ist quer zur Fahrtrichtung eingebaut und treibt über das zum Getriebe gehörende Ausgleichsgetriebe (Viscokupplung von Ferguson) den Antriebsstrang für die Hinterachse und die Vorderachse an. Um die für den Vorderradantrieb typischen und guten Eigenshaften zu erhalten, hat Lancia bei der Drehmomentaufteilung zwischen der Vorder- und der Hinterachse einen neuen Weg beschritten. Anders als Audi und Alfa mit 50:50% oder BMW und Ford mit jeweils einem Drittel auf der Vorder- und zwei Dritteln auf der Hinterachse wartet der Prisma 4WD mit einer Triebkraft von 56% vorne und 44% hinten auf.
Die Verbindung zwischen den beiden Achsen übernimmt ein Wellensystem, fast ist man versucht zu sagen "wie könnte es schon anders sein", von Steyr-Puch in Graz entwickelt. Die Kraftübertragung auf die Hinterachse erfolgt über einen aus dem Flugzeugbau abgeleiteten Kegelradsatz. Der Starng ist von drei Gelenken unterbrochen, einem Gleichlauf- und zwei Kardangelenken. Das hintere Differential ist mit einer Sperre versehen, die imstande ist, dem fahrer im Winter Hallaluja-Rufe zu entlocken. Neben der Wahl des stärksten Antriebsaggregates ist dies das zweite Meisterstück, das sich Lancia geleistet hat.
Der Prisma kann mit einer zuschaltbaren Sperre in der Hinterachse aufwarten. Sie reagiert auf Knopfdruck exakt und kompromißlos.
Jetzt sticht der Prisma aus dem Wald. Zügig läßt er sich über die schneebedeckte schmale Asphaltstraße mit den engen Kurven ziehen. Hier bedeutet sie für den 4WD kein Hindernis. Sie ist wohl morgens beräumt worden und nun mit nur 15 Zentimetern Neuschnee bedeckt. Ob der Untergrund glatt ist oder holprig, das Fahrwerk schluckt alles, die Federung ist straff, aber keineswegs hart. Dabei hält das Auto sauber die Spur, die Servolenkung spricht sehr direkt an und gibt auch bei forschem Tempo ein Gefühl überlegener Sicheheit. Die Achsen ruhen in McPherson-Federbeinenund besitzen nebem dem Stabilisator noch kräftige Schwingarme in Längsrichtung. Scheibenbremsen vorn und hinten sorgen für schnelle Verzögerung, auch beim Anbremsen forsch genommener Ecken.
"Schneekönig"
Äußerlich sieht der Prisma aus wie eine stinknormale Familienkutsche, und das soll und will er auch sein. Über Schönheit kann man streiten, aber die Linienführung des viertürigen Wagens ist klar und schlicht gehalten. Seine vordere Partie hat sich ein wenig nach den Einbaukriterien gerichtet, die die neuen Motoren forderten. Also gibt es nun einen flacherern Kühlergrill, eine versetzte Traverse im Motorraum, neue Triebwrksaufhängungen mit vier statt drei Punkten für vibrationsärmeren Leerlauf. Eine Geräuschdämmung, die aus dem Fahrgastraum eine Art schalldichter Kapsel macht. Ein neuer, größerer Kraftstofftank faßt nunmehr 57 statt bisher 45 Liter.
Man hat sich schnell an diese allradgetriebene Mittelklasselimusine gewöhnt. Bevor wir uns versahen, hatten wir ohne Probleme die gesamte Strecke gemeistert, die uns Stunden vorher noch als unbefahrbar geschildert worden war. Es hatte nur eine einzige kleine Schwierigkeit gegeben, als in einer meterhoch ausgefrästen Schneise ganz plötzlich das große gelbe Räumgerät vor unserer Nase auftauchte. Der Weg, glatt und steil, mußte im Krebsgang bis zu einer möglichen Ausweichstelle zurückgelegt werden. Beim Wiederanfahren drehten dann die Räder durch. Nun erfolgte unter banger Erwartung der besagte Druck aufs Knöpfchen. Kaum leuchtete das Kontrolllämpchen für die hintere, die zuschaltbare Sperre auf, setzte sich der Prisma 4WD zügig wieder vorwärts in Bewegung. Vorderradantrieb mit zugeschalteter Hinterachse halten alle Versprechungen.
"Preisidee"
Ein interessanter Punkt an solch einem interessantem Auto ist natürlich der Preis, und der ist noch offen. Die Italiener stellten auf freundschaftlicher Basis allerdings eine Rechnung auf, welche den ernsthaften Interessenten guter Hoffnung sein läßt. In Lire, versteht sich. Umgerechnet würde das in Deutschland etwa 27000 Mark bedeuten. Das dürfte die guten Chancen des Lancia Prisma 4WD bei uns noch verbessern. Immer vorausgesetzt natürlich, daß die italienische Mutter ihren Kindern beim Aufpolieren des etwas in Vergessenheit geratenen Familiennamens Lancia tatkräftig behilflich sein wird. G.M.
LANCIA
PRISMA